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Buch: „Die Liebe im Herbst“
Buch: „Die Liebe im Herbst“

Buch: „Die Liebe im Herbst“

„Wie Partnerschaft und Liebe in der zweiten Lebenshäfte gelingen.“ Vom Paar für Paare: Anne und Dieter Franke, Kohlhammer 2023.

Ich möchte hier ein Buch vorstellen, das ich als kostenloses Rezensionsexemplar freundlicherweise vom Kohlhammer Verlag zur Verfügung gestellt bekommen habe.

Überblick

In dem kleinen, ca. 140 Seiten starken Büchlein haben Anne und Dieter Franke gemeinsam einen Ratgeber für Paare im Lebensherbst, etwa ab Renteneintritt bis knapp über 80 Jahre geschrieben, in dem sie Ihre beruflichen Erfahrungen mit einem selbst entwickelten Modell (die PAARtitur) zu Liebe und Partnerschaft sowie einigen grundlegenden Daten zum Alter(n) kombinieren.

Das Paar-Therapeuten-Paar gibt am Anfang ein großes Versprechen: Zu erklären, wie die Liebe funktioniert.

Beim Lesen fällt mir als Person, die etwas jünger als die eigentliche Zielgruppe ist, auf, wie positiv, bunt und wertschätzend die AutorInnen über diesen Lebensabschnitt schreiben; sie versuchen viele internalisierte Vorurteile gegenüber diesem Lebensabschnitt zu entkräften.

Sie beschreiben fundiert, was das Alter bereithält, was wichtig ist („Soziale Beziehungen als Mehrzweckwaffe unseres Alterns“, Tanzen als tolle Möglichkeit, Konzentration, soziale Beziehungen und Bewegung zu fördern) und welche Tipps sie für Paare (meiner Meinung nach nicht nur für Herbstpaare) als sinnvoll erachten (Miteinander sprechen, sich Zeit nehmen, Absprachen treffen, die eigenen Emotionen regulieren, eine Streitkultur pflegen, das Vertrauenskonto auffüllen).

Sprache

Eine Besonderheit dieses Autorenduos ist die Liebe zum Wort, zum Gedicht, zum Wortspiel, zum Zitat, zu Sprichwörtern und zur (manchmal etwas bemüht schwungvoll wirkenden) Sprache, die das Buch leicht lesbar macht und mich ab und an zum Schmunzeln brachte.

Ein Satz, den ich besonders schön und zitierenswert finde: „Der Sprung über den Schatten führt ins Helle“ (S. 22) Er beschreibt treffend, dass durch die Überwindung einer Angst oder einer Scham ein gutes Gefühl, vielleicht sogar eine Erleuchtung passieren kann.

Die PAARtitur, die die Autoren über vermutlich semistrukturierte qualitative Interviews mit 20 glücklichen Herbstpaaren und 20 jüngeren (Problem-)Paaren aus ihrer klinischen Praxis herleiten, fokussiert, wenn ich es richtig verstehe, das Paarvertrauen als zentralen Punkt in einer Beziehung. Das Paarvertrauen wird in diesem Modell durch den Umgang mit gemeinsamen Interessen, körperlicher Nähe und Persönlichkeit gefestigt. Es wird auf das Vertrauenskonto eingezahlt. Hierbei darf es auch Unterschiede geben, die wechselseitig akzeptiert werden. Das Paarvertrauen kann durch interne und externe Stressoren belastet werden und darf sich dann aber auch bewähren. Bestenfalls gibt es ein Plus auf dem Paarvertrauenskonto.

Kritik

Kritikpunkte sind aus meiner Sicht, dass das Autorenpaar vor allem heterosexuelle, monogame, weisse cis-Paare anspricht und Aspekte verschiedener Geschlechtlichkeit, Identitäten, Poly-Konzepte, Klasse etc. nur in einem einzigen, fast schon abwehrenden Nebensatz vorkommen. Ich möchte allerdings darauf hinweisen, dass die AutorInnen selbst über 80 Jahre alt sind und ich mich selbst dabei ertappte, wie erstaunlich modern ich die Haltung zum Gendern, zur Pandemie, zur politischen Situation, zum Krieg in der Ukraine etc. einschätzte. (Ist das Ageism auf meiner Seite?)

Eine weitere Kritik (leider am Kernthema der PAARtitur) ist aus wissenschaftlicher Sicht, dass hier im Versuch, ein Modell für die Liebe zu entwickeln, bestimmte Kriterien, die bei der Durchführung strukturierter Interviews hilfreich sind, wie beispielsweise Auswahl der ProbandInnen, Methodenbeschreibung, Auswahl der Instrumente, Herleitung der Auswahl der Beurteilungskriterien, Abbildungsbeschriftungen, Quellen und ähnliches zu lax gehandhabt werden. Aus diesen ungenauen und manchmal fast willkürlich anmutenden Items (bsp. Wortpaare) werden Berechnungen auf eine Nachkommastelle genau angestellt und Dinge, die höchstens Korrelationen sein könnten als Kausalitäten dargestellt. So wird eine wissenschaftliche Note suggeriert, die nicht substantiell ist und auch einen Nachgeschmack bei mir bei der Betrachtung des gesamten Konzepts hinterlässt. Auch Grenzen und Biases werden nicht benannt.

Fazit

Im Ganzen bleibt immer ein liebevoller Blick auf alle Menschen im gesamten Text spürbar, auch die Zuneigung des Autoren-Paares untereinander ist stets präsent.

Insgesamt kann ich mir vorstellen, dass die PAARtitur wertvolle Impulse oder Sichtweisen liefern kann, und die auch Paaren sowohl bei der Prävention von Beziehungsschwierigkeiten als auch bei der Behandlung von Problemen helfen kann. Ich werde auf jeden Fall das Paarvertrauen in Zunkunft etwas mehr in den Blick nehmen und einige der im Buch vorgestellten Hypothesen testen. Sexualität im Alter ist ein immer noch tabuisiertes, angst- oder schambesetztes Thema, daher begrüße ich es sehr, darüber zu schreiben, zu sprechen, nachzudenken und zu normalisieren. Ebenfalls möchte ich mich für den offenherzigen Einblick in die Beziehungswelt der interviewten Paare bedanken, die sich hier mutig den wichtigen Themen des Lebens stellen. Nicht zuletzt macht das Buch auch richtig Lust auf die Liebe im Herbst!

Hier sind meine Publikationen zum Thema Sexualität im Alter zu finden. Ich freue mich auch über Rückmeldungen und Kritik per Mail.